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Teachers Talk - Gunter Lorenz

Dr. Gunter Lorenz lehrt seit über 25 Jahren an Hochschulen im deutschsprachigen Raum zu Applied Linguistics und English Language Teaching Theory. Er war viele Jahre als Trainer im ehemaligen Traineeprogramm der WU tätig und leitet nach wie vor Workshops im Rahmen der Internen Weiterbildung. Darin geht es zumeist um die Vermittlung didaktischen Grundlagenwissens, aber auch um Lehr- und Lernformen in Verbindung mit Englisch als Unterrichtssprache. Was für ihn gute Lehre ausmacht, lesen Sie in diesem Interview.

 

     

Was macht für Sie gute Lehre aus? 

Die Definition von guter Lehre ist alles andere als trivial. Aus meiner Sicht geht es nicht nur darum, dass Studierende nachvollziehen können, worum es im Kern der Inhalte geht, sondern auch, wofür sie diese lernen und warum das jetzt genau so geschehen soll. Es erscheint mir sehr wichtig, Studierende von der Sinnhaftigkeit der Lehrinhalte und der Lehrmaßnahmen zu überzeugen – sowohl durch Aufzeigen ihrer Relevanz und möglichen Praxisbezügen als auch durch den eigenen Lernerfolg. Gute Lehre verläuft zudem über mehrere 'Lehrkanäle': Verschiedene Lernende müssen Informationen auf verschiedene, durchaus redundante Zugangsarten geliefert bekommen – auditiv vs. visuell, abstrakt vs. exemplarisch, etc.

Wenn Sie gedanklich Ihre bisherigen Jahre als Lehrender revuepassieren lassen – welches Erlebnis hat Ihnen rückblickend am meisten Erkenntnis eingebracht?

Es gab viele kleine Schlüsselerlebnisse. Rückblickend ist vor allem der Entwicklungsprozess interessant – vom Lernenden zum Lehrenden. Als junger Dozent mit viel Freude am eigenen Fach wollte ich den Studierenden vor allem zeigen, was ich kann. Ich hatte das Gefühl, beweisen zu müssen, dieses Fach zu beherrschen, ganz nach dem Motto „Ich hab's gelernt!“. Mit den weiteren Jahren an Lehrerfahrung nahm dieses Bedürfnis deutlich ab, stattdessen wurde ich fordernder den Studierenden gegenüber. Ich gab mehr und mehr Verantwortung an sie ab und trat dabei selbst immer mehr bewusst in den Hintergrund – natürlich bei gleichzeitiger Präsenz zur Strukturierung und Bewertung von Informationen. Das ist jedoch weniger eine schlagartige Erkenntnis, als vielmehr ein kontinuierlicher Prozess. Ich finde es bei aller Erfahrung auch heute noch wichtig, mein Tun und meine Rolle als Lehrender zu reflektieren, immer wieder an der einen oder anderen Stellschraube zu drehen und dann zu beobachten, wie die Studierenden auf das reagieren, was ich Ihnen anbiete.

Gab es denn bei Ihnen auch so etwas wie AHA-Erlebnisse in Bezug auf die Lehre?

Ja, die gab es, und die gibt es immer noch. Ich beschäftige mich häufig mit sogenannten critical incidents in der Lehre, also einschneidenden Erlebnissen und Vorfällen in Lehr-/Lernsituationen, die man erst auf den zweiten oder dritten Blick richtig durchschaut, die einen dann aber in der Reflexion weiterbringen. So wollte ich zum Beispiel vor vielen Jahren einmal einen Studenten dazu bringen, eine bestimmte Äußerung in einem kommunikativen Szenario in einer etwas 'gefälligeren', authentischeren Intonation zu sprechen, was er jedoch partout nicht tat. Ich konnte nicht fassen, dass er das nicht wollte oder nicht konnte und konfrontierte ihn damit: Warum wollte er das einfach nicht so sagen? Er entgegnete mir: "But this is not the way I speak." Ich war so sauer, dass ich einen blöden Witz draus machte: "Yes, it's English!" Das Ergebnis: Ich hörte lange Zeit nie wieder etwas von ihm…

Erst hinterher merkte ich, dass das nicht nur unangebracht war, sondern dass er mir eigentlich eine wichtige Lektion über das Sprechen von Fremdsprachen beibringen wollte: "Wenn ich so spreche, wie Sie das vormachen, dann höre ich mich auf eine Weise, die einfach nicht ich bin." Man spricht in der Forschung von sog. 'ego boundaries', die manche Leute enger setzen und manche eben entspannter. Dazu kann man etwas wissen, und darauf kann man vor allem besser reagieren, als ich das tat. Und man kann daraus lernen, dass man in einer Lehrsituation mit Grenzen und Blockaden rechnen und lernen muss, damit umzugehen.

Was würden Sie Kolleg/inn/en raten, die gerade erst zu lehren beginnen?

Ich würde ihnen sagen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, ob sie denn über den zu unterrichtenden Fachbereich ausreichend Bescheid wissen und ob sie genug wissen, um unterrichten zu können – denn: das tun sie! Sonst hätten sie es, davon bin ich überzeugt, erst gar nicht durch das System in eine Unterrichtsposition geschafft. Die Herausforderung ist nicht in erster Linie, zu zeigen, dass man etwas weiß, sondern auch zu zeigen, dass man in der Strukturierung, in der Zielgenauigkeit, im Grad an Abstraktion, in der Wahl der Beispiele usw. gut zuhause ist.

Zusammengefasst: Ich würde den Kolleg/inn/en zu einer entspannten, kompetenten Präsentation raten. Und wenn einmal was schiefgeht – das ist uns allen schon passiert – dann würde ich dringend empfehlen, sich bei Kritik bloß nicht gleich in der eigenen fachlichen Autorität angegriffen zu fühlen. Hier geht es v.a. darum, sich Strategien zum classroom management zurecht zu legen – zum Beispiel zum trouble-shooting mit schwierigen Studierenden – und eine gewisse psychologische Bereitschaft, herauszukriegen, was mir ein bestimmtes störendes Verhalten sagen und wie ich darauf reagieren kann.

Was würden Sie den WU-Lehrenden gerne mitgeben?

„Sei genauso neugierig auf und in der Lehrsituation, wie du in deinem bzw. auf dein Fach bist.“ Lehre ist weit mehr als ein notwendiges Übel, sondern eine Chance, Dein Wissen weiterzugeben und immer wieder auf Plausibilität zu überprüfen.