Evidenzbasierte Lehre

Previous
40.91%
Next

Teachers Talk Evidenzbasierte Lehre Events & Workshops für Lehrende LEARN Neuigkeiten Treffpunkt Lehre: Video Rückschau Innovative Lehre 2017
           

Evidenzbasierte Lehre: Verständlich erklären - eine Heuristik

Andrea Raso & Christiane Schopf, Institut für Wirtschaftspädagogik

 

„Explaining is at the heart of teaching […] just as its obverse, understanding, is at the heart of learning“ (Brown 1978: 2).

 

Verständliche Erklärungen sind zentral für die Motivation und den Lernerfolg der Lernenden. Dies gilt – wenngleich mit unterschiedlichen Akzentuierungen – sowohl für lehrendenzentrierte (Frontalvortrag) als auch für lernendenzentrierte Settings (offene, selbstorganisierte Designs) (Pauli 2015; Aeschbacher 2009). Erklärungen sind insbesondere wichtig, wenn es um die gezielte Vermittlung neuer Inhalte, zu denen noch wenig Vorwissen vorhanden ist, geht, aber auch um Wissen zu strukturieren, Zusammenhänge aufzuzeigen, Wissenslücken zu schließen oder Fehlkonzepte zu korrigieren (Kulgemeyer 2013; Wilbers 2014; Wittwer/Renkl 2008; Leisen 2007). Verständlich erklären ist jedoch keine Selbstverständlichkeit, sondern eine sehr komplexe Aufgabe (Brown 1978; Treagust/Harrison 2000). Da die Literatur vor allem für den Wirtschaftsbereich nur wenige konkrete Hilfestellungen bietet, wurde am Institut für Wirtschaftspädagogik im Rahmen einer qualitativen Studie der Frage nachgegangen, wie Erklärungen gestaltet werden sollten, um für Lernende verständlich zu sein.

 

Methodische Vorgehensweise

Neben einer umfassenden Analyse der verfügbaren Literatur zu Vorträgen und Erklärungen wurden qualitative problemzentrierte Interviews (Witzel 1982) mit elf Fachdidaktiker/inne/n des Instituts für Wirtschaftspädagogik geführt, da diese über umfangreiche Erfahrung in der Lehreraus- und -weiterbildung sowie in der eigenen Lehre im schulischen und universitären Bereich verfügen. Zudem wurden relevante Lehrveranstaltungsunterlagen und Publikationen der Befragten gesammelt. Die Interviewtranskripte sowie die Dokumente wurden mittels zusammenfassender Inhaltsanalyse mit induktiver Kategorienbildung ausgewertet (Mayring 2015). Die Ergebnisse wurden kommunikativ validiert und den Erkenntnissen aus der Literatur gegenübergestellt. Im letzten Schritt wurde eine Heuristik des verständlichen Erklärens entwickelt.

 

Zentrale Ergebnisse

Die Heuristik ist als praxisorientierte Anleitung für die Vorbereitung, Durchführung und Reflexion von Erklärungen konzipiert. Die folgende Abbildung zeigt diese in hoch aggregierter Form.

 

 

                  Heuristik des verständlichen Erklärens (Schopf/Zwischenbrugger 2015: 20)

 

Eine Erklärung sollte zum einen die folgenden Elemente enthalten:

  • Im Zentrum sollte die Beantwortung der vier Fragen Was, Wie, Warum und Wozu stehen. D.h. für den jeweiligen Inhalt sollte geklärt werden, „Was ist es?“, „Wie geht es?“ und „Warum ist/geht es so?“, um daraus das allgemeine Grundprinzip herauszuarbeiten. Zusätzlich sollte die übergeordnete Frage „Wozu braucht man es?“ und damit die Anwendung des Grundprinzips geklärt werden.
  • Dabei sollte an notwendiges bzw. hilfreiches Vorwissen angeknüpft und wenn möglich sollten Vernetzungen zu anderen Themengebieten aufgezeigt werden, um das neue Wissen in bestehende Wissensstrukturen einzuordnen.
  • Damit die Erklärung anschaulicher und greifbarer wird, sollten unbedingt Erläuterungsbeispiele und soweit möglich auch Visualisierungen eingesetzt werden.

Es ist darauf hinzuweisen, dass diese Elemente keinen bestimmten Ablauf vorgeben und je nach Inhalt, Zielgruppe, Rahmenbedingungen sowie Fähigkeiten des Lehrenden unterschiedlich zu gewichten und auszugestalten sind.

Eine Erklärung sollte zum anderen folgende Merkmale erfüllen:

  • Selbstverständlich ist die fachliche Richtigkeit eine notwendige Voraussetzung. Damit ist auch gemeint, dass die vermittelten Inhalte aktuell und praxisrelevant sind.
  • Um verständlich zu sein, ist es darüber hinaus entscheidend, dass die Erklärung inhaltlich (z.B. Komplexitätsgrad, Tempo) und sprachlich auf die Zielgruppe abgestimmt ist.
  • Zudem sollte sie inhaltlich auf das Wesentliche konzentriert sein, d.h. die Inhalte sollten auf den Punkt gebracht und zentrale Punkte sollten hervorgehoben werden.
  • Damit die Lernenden die Erklärung leichter nachvollziehen können, sollte sie gut strukturiert sein.
  • Schließlich sollte sie auch sprachlich klar und einfach formuliert sein.

Eine ausführliche Beschreibung der Elemente und Merkmale mit Beispielen aus dem wirtschaftlichen Bereich findet sich in Schopf/Zwischenbrugger 2015.

 

Literaturverzeichnis

Aeschbacher, Urs (2009): Eine Lanze für das Erklären. In: Beiträge zur Lehrerbildung, 27/3/431-437

Brown, George (1978): Lecturing and Explaining. Hove/New York: Routledge

Kulgemeyer, Christoph (2013): Gelingensbedingungen physikalischer Erklärungen – Zu einer konstruktivistischen Auffassung des Erklärens. In: Didaktik der Physik - Beiträge zur DPG-Frühjahrstagung (Zugriff: 15.03.2017)

Leisen, Josek (2007): Das Erklären im Unterricht. In: Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht, 60/8/459-462

Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 12. Auflage, Weinheim/Basel: Beltz

Pauli, Christine (2015): Einen Sachverhalt erklären. In: Pädagogik, 67/3/44-47

Schopf, Christiane / Zwischenbrugger, Andrea (2015): Handbuch verständlich erklären. Eine Heuristik mit Beispielen aus Betriebswirtschaft, Rechnungswesen, Volkswirtschaft und Wirtschaftsinformatik. Wien: Manz

Treagust, David F. / Harrison, Allan G. (2000): In search of explanatory frameworks: an analysis of Richard Feynman’s lecture ‘Atoms in motion’. In: International Journal of Science Education, 22/11/1157-1170

Wilbers, Karl (2014): Wirtschaftsunterricht gestalten. Eine traditionelle und handlungsorientierte Didaktik für kaufmännische Bildungsgänge. Lehrbuch. 2. Auflage, Berlin: epubli

Wittwer, Jörg / Renkl, Alexander (2008): Why Instructional Explanations Often Do Not Work. A Framework for Understanding the Effectiveness of Instructional Explanations. In: Educational Psychologist, 43/1/49-64

Witzel, Andreas (1982): Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Überblick und Alternativen. Frankfurt/New York: Campus