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Teachers Talk

Michael Müller-Camen

Univ.Prof. Dr. Michael Müller-Camen ist Professor für Personalmanagement und leitet das gleichnamige Institut an der WU. In der Lehre sind ihm besonders der Bezug zur Forschung und die Aktualität der Themen ein Anliegen. In der Juni-Ausgabe verrät er uns, was für ihn gute Lehre ausmacht und wie er seine durch Interaktion geprägten Lehrveranstaltungen in die Distanzlehre überführt hat. 

Was macht für Sie gute Lehre aus?
Gute Lehre ist für mich nicht unbedingt, dass die Studierenden viel Wissen anhäufen – denn Wissen hat bekanntlich eine kurze Halbwertzeit. Mein Ziel ist vielmehr, die Studierenden zum Denken anzuregen. Idealerweise erfahren sie in meiner Veranstaltung etwas, das bisher außerhalb ihres Vorstellungsraumes war. Ein Beispiel ist das selbstorganisierte Unternehmen Tele Haase, welches vor einigen Jahren alle Führungskräfte entlassen hat und welches ich einige Male mit Studierendengruppen besucht habe. Dass Firmen ohne Managerinnen geführt werden können, kannte man, doch dass es auch gänzlich ohne Manager geht, war für viele der Studierenden eine neue Erfahrung. Einige der Studierenden konnten sich gut vorstellen in einem solchen Umfeld zu arbeiten, andere nahmen die damit verbundene höhere Verantwortung eher als Bürde wahr.

Was macht Ihnen besonders Spaß an der Lehre?
Nicht nur Habilitierte, sondern viele Lehrende an der WU haben eine große Freiheit in der Lehre. Im Gegensatz zu meiner Erfahrung an englischen Universitäten, können wir die Lehre relativ unabhängig gestalten, damit „experimentieren“ und unsere Lehre ständig weiterentwickeln. Dies betrifft nicht nur die Inhalte der Lehre, sondern auch die Methoden und die Intervalle der Lehrveranstaltung (z. B. wöchentlich vs. geblockt). Ich bin außerdem in der glücklichen Lage meine aktuelle Forschung lehren zu können und erlebe das als sehr erfüllend. 

Was denken Sie gefällt den Studierenden an Ihrer Art zu unterrichten?
Den Studierenden gefällt, dass ich (fast) kein Lehrbuchwissen vermittle, sondern sie an meiner Forschung teilhaben lasse. Beispielsweise führe ich regelmäßig eine Gruppenarbeit durch, in der die Inhalte von Nachhaltigkeitsberichten von Banken aus unterschiedlichen Ländern verglichen werden. Die Aufbereitung der Ergebnisse nutze ich dann nicht nur als Einführung in das international vergleichende Personalmanagement, sondern die Studierenden erfahren in diesem Seminar, wie sich meine Forschungserkenntnisse zum Sustainable HRM über die Jahre entwickelt haben. Daher sind die behandelten Themen aktuell und von hoher Relevanz – auch in der Zukunft. Weiters schätzen es Studierende sehr, dass ich in die Lehrveranstaltungen hochrangige Praktikerinnen und Praktiker einlade, um die Ergebnisse meiner Forschung mit der Praxis zu kontrastieren.

Was hat Ihnen selbst in Ihrer Lehr-Karriere am meisten weitergeholfen?
Schlechte Evaluationen der Lehre! Mit einem Marie Curie Stipendium der EU war ich vor 20 Jahren als Post Doc an der Uni Innsbruck und habe dort meinen ersten Kurs unterrichtet. Aufgrund einer schlechten Lehrevaluation habe ich mich damals einem Coaching unterzogen, das mir sehr geholfen hat. In den Folgejahren konnte ich meine Lehre dann sehr positiv weiterentwickeln. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass sich die Kulturen der Lehre zwischen Unis und Ländern unterscheiden und konnte aus meinen Stationen im Ausland viele Impulse für meine eigene Lehre mitnehmen. Was mir an der WU und in anderen Fällen geholfen hat, war, dass ich einen bestimmten Kurs und bestimmte Lehrinhalte mehrere Semester unterrichten und dadurch jedes Mal verbessern konnte, was sich mittlerweile auch in sehr guten Evaluationen widerspiegelt.

Im laufenden Semester haben Sie Ihre Lehrveranstaltungen auf Distanzlehre umgestellt. Welche Herausforderungen gab es dabei und wie haben Sie sie gelöst? 
Größte Herausforderung in der Distanzlehre ist aus meiner Sicht die Interaktion mit den Studierenden, denn dies ist normalerweise ein wichtiges Element meiner Kurse, da ich keine Vorlesungen im klassischen Sinn halte. Eine Lösung war, Studierende auf Basis der Teilnehmer/innen/listen „aufzurufen“, was relativ gut geklappt hat. Gruppenarbeit über Online-Tools zu organisieren ist auch herausfordernd und ohne Unterstützung z. B. durch eine/n Tutor/in schwierig abzuwickeln. 

Die schriftliche Prüfung war ein anderes Thema. In meiner SBWL nutzen wir schon seit vielen Jahren das Konzept des inverted classroom, d. h. die Prüfung ist zu Beginn des Kurses. Vorteil ist, dass die Studierenden zu Kursbeginn bereits die Inhalte selbständig erschlossen haben und diese dann im Seminar vertieft werden können. In diesem Semester war die Prüfung für den 26. März angesetzt und aufgrund der Schließung des Campus am 12. März musste ich sehr kurzfristig entscheiden, wie ich in der neuen Situation ein open book exam online durchführe. Ich habe mich dafür entschieden, den Studierenden eine Essay Frage zu geben, die sie auf Basis der in der Einführungsveranstaltung am 5. März vorgegebenen Literatur beantworten mussten. Ich hatte große Zweifel, ob die Kompetenzen und Fähigkeiten der BA Studierenden ausreichend sind, um diese Aufgabe mit sehr eingeschränkten Vorbereitungen zu lösen. Beim Durchlesen der Essays war ich dann sehr überrascht, wie gut die Studierenden meiner SBWL ihre Aufsätze geschrieben haben. Vielleicht auch durch die Corona bedingte freie Zeit haben sich sehr viele der Studierenden viel intensiver mit der Literatur auseinandergesetzt, als sie dies als Vorbereitung auf eine Klausur tun. Dies haben auch die Studierenden positiv angemerkt, viele von Ihnen empfanden einen solchen Essay sogar sinnvoller als eine Klausur.