Good Practice@WU: Mini-Case mit realen Daten als Prüfungsaufgabe

No Previous
0.00%
Next


LV: Bond Pricing – Konzepte der Anleihenbewertung

Lehrender: Manfred Frühwirth

Department: Finance, Accounting and Statistics


Ein wesentliches Learning Outcome der LV ist, dass Studierende die zur modernen Anleihenbewertung erforderlichen Konzepte verstehen und selbstständig anwenden können. Studierende lernen, aktuelle Entwicklungen auf den Anleihenmärkten zu beobachten, und werden angeleitet, sie zu antizipieren. Um diese Fähigkeiten zu fördern, werden Studierende in der LV auch mit den am häufigsten verwendeten Datenprovidern (Reuters und Bloomberg) konfrontiert.

Ein Teil der schriftlichen Abschlussprüfung hat die Form von Fallstudien. Dafür werden aktuelle Screenshots von Datenprovidern verwendet, die Ausgangspunkt für eine Reihe zusammenhängender Fragen sind.

Beispiel für eine Prüfungsaufgabe:

Beispiel 3 (39 Punkte):

Auf den folgenden Seiten finden Sie Bildschirmausdrucke mit dem aktuellen Wechselkurs (zwischen Schweizer Franken und Euro) sowie Zins- und Inflationsdaten für den Euro (bzw. für Österreich) und den Schweizer Franken. Sie nehmen vereinfachend Folgendes an:

  • Für beide Währungen/Länder gilt, dass die Inflationsrate des Jahres 2009 auch in diesem Jahr (2010) gelten wird.
  • Der Einjahreszinssatz im Schweizer Franken ist identisch mit dem Dreimonats-LIBOR für den Schweizer Franken vom 21. 4. 2010.
  • Für den Einjahreszinssatz im Euro nehmen Sie den Wert aus der Zinskurve der Deutschen Bundesbank vom 21. 4. 2010.
Sie konzentrieren sich auf den Horizont von genau einem Jahr.

Beantworten Sie die folgenden Fragen:

  1. Wie hoch sind (exakt berechnet) die realen Zinssätze in den beiden Ländern? (8 Pkt.)
  2. Ist die Internationale Fisher-These erfüllt? Begründen Sie Ihre Antwort! (2 Pkt.)
  3. In welchem der beiden Länder soll ein/e Österreicher/in, der/die anlegen möchte, anlegen? Begründen Sie Ihre Antwort. (2 Pkt.)
  4. In welchem der beiden Länder soll ein/e Österreicher/in, der/die Kapital benötigt, einen Kredit aufnehmen? Begründen Sie Ihre Antwort. (2 Pkt.)
  5. In welchem der beiden Länder soll ein/e Schweizer/in, der/die anlegen möchte, anlegen? Begründen Sie Ihre Antwort. (2 Pkt.)
  6. In welchem der beiden Länder soll ein/e Schweizer/in, der/die Kapital benötigt, einen Kredit aufnehmen? Begründen Sie Ihre Antwort. (2 Pkt.)
  7. Sie glauben an die Kaufkraftparitätentheorie. Wie hoch ist der erwartete Wechselkurs (in CHF pro EUR) in einem Jahr? (3 Pkt.)
  8. Stellen Sie sich eine/n Österreicher/in vor, der/die einen EUR-Kredit in Höhe von 1000 EUR mit der Laufzeit von einem Jahr aufnimmt. Berechnen Sie, welchen EUR-Betrag (Tilgung + Zinsen) der/die Österreicher/in zu t = 1 zurückzahlen muss. (3 Pkt.)
  9. Stellen Sie sich eine/n Österreicher/in vor, der/die bei einer österreichischen Bank einen Fremdwährungskredit in CHF mit der Laufzeit von einem Jahr aufnimmt. Der EUR-Betrag, der zu t = 0 ausbezahlt wird, soll wie in Frage 8 1000 EUR betragen. Berechnen Sie, welchen EUR-Betrag (Tilgung + Zinsen) der/die Österreicher/in zu t = 1 zurückzahlen muss. Nehmen Sie anhand der Ergebnisse von Frage 8 und 9 Stellung, ob der EUR-Kredit oder der Fremdwährungskredit besser ist! (15 Pkt.)

Erfahrungen des Lehrenden

Aus Sicht des Lehrenden haben diese Art von Mini-Cases eine Reihe von Vorteilen:

  • Die Aufgaben, die anhand von realen Daten und Fällen gelöst werden müssen, sind zwar anspruchsvoll und komplex, erzeugen aber keine künstliche Komplexität.
  • In den Prüfungsaufgaben können topaktuelle und hochrelevante Themen aufgegriffen werden (siehe Prüfungsaufgabe: Risiken von Fremdwährungskrediten in Schweizer Franken – ein Thema, das eindeutig auch von praktischer Relevanz ist).
  • Die Zahlen, mit denen gerechnet wird und die interpretiert werden, sind realistischer als bei frei erfundenen Beispielen. Damit werden nicht nur die Zahlen, sondern auch Sie selbst als authentisch wahrgenommen.
  • Die Beschäftigung mit realistischen Szenarien wirkt generell motivationssteigernd, weil Studierende den Bezug zu späteren Tätigkeiten und Anforderungen besser herstellen und sich darauf vorbereiten können. Hemmschwellen können abgebaut werden, indem Studierende nicht erst mit dem Einstieg in die Praxis mit bestimmten Tools, Abläufen und Praktiken konfrontiert werden.
  • Die Auseinandersetzung mit realen Daten bereitet Studierende nicht nur auf die Berufswelt, sondern auch auf eventuell folgende weiterbildende Studien vor. So können beispielsweise Startschwierigkeiten in MBAs, in denen fast ausschließlich angewandt mit dem Instrument der Case-Study und auf der Basis realer Daten unterrichtet wird, verringert werden.

Aus Sicht des Lehrenden sind folgende Aspekte zu beachten:

  • Ein Nachteil ist der höhere Aufwand, der für die Auswahl und Erstellung von Prüfungsaufgaben mit realen Daten nötig ist. Dieser Nachteil wird jedoch dadurch aufgehoben, dass
  • Prüfungsaufgaben in nachfolgenden LVs als Übungsbeispiele im Unterricht oder als Assignments herangezogen werden können
  • Prüfungsaufgaben auch in anderen LVs mit ähnlichen Schwerpunkten und Zielen verwendet werden können (in diesem Fall z. B. für „Internationale Fusionen und Übernahmen“ oder „International Financial Management“).
  • Reale Daten sind weniger steuerbar. Anomalien auf dem Markt können z. B. dazu führen, dass Ergebnisse erzielt werden, die nicht eindeutig sind oder mit den Fragestellungen nicht angemessen abgebildet werden können. Die Fragen durchzuspielen und eventuell zu adaptieren oder zu ersetzen ist daher besonders wichtig.

Alternative Aufgabentypen

  • Der Erstellungsaufwand für Prüfungsaufgaben lohnt sich unter anderem dann, wenn Sie sie variabel bzw. semester- oder LV-übergreifend einsetzen können, z. B. als Übungsbeispiele im Unterricht. Mini-Cases können Sie übrigens auch für Assignments verwenden.
  • Ein gut organisierter Pool von zentralen Quellen hilft, den Aufwand bei der Erstellung von Prüfungsaufgaben mit realen Daten zu minimieren. Manfred Frühwirth hat die relevanten Websites z. B. in einer Favoritenliste abgespeichert, um rasch auf die tagesaktuellen Daten zurückgreifen zu können.
  • Die LV „Bond Pricing – Konzepte der Anleihenbewertung“ von Manfred Frühwirth wurde mit dem Preis der WU für „Exzellente Lehre 2009“ prämiert.