Vielfalt verstehen und Potenziale fördern: Neurodiversität in der Lehre
Manche Studierende erfassen Inhalte besonders schnell, andere erschließen sie mit bemerkenswerter Gründlichkeit. Einige brauchen absolute Ruhe, um sich zu konzentrieren, während andere gerade unter leichter Stimulation, wie etwas Musik, produktiv werden. Was im Alltag oft als „unterschiedliche Lernstile“ beschrieben wird, ist in vielen Fällen Ausdruck von Neurodiversität – der natürlichen Vielfalt menschlicher Gehirne. Wie sich dies auf das Lernen auswirkt und was das für die Lehre bedeutet, lesen Sie in diesem Artikel.
Das Konzept der Neurodiversität wurde maßgeblich von neurodivergenten Menschen entwickelt (vgl. Botha et al., 2024). Es beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Denk- und Verhaltensweisen – vergleichbar mit biologischer Diversität. Neurodivergenz ist eine Ausprägung dieser Vielfalt. Neurotypische Menschen entsprechen in ihrem Denken und Verhalten gesellschaftlichen Normen und neurodivergente Menschen weichen davon ab. Schätzungen zufolge sind 15 % der Bevölkerung in Österreich und 15–20 % weltweit neurodivergent (Hare, 2025). Häufig wird Neurodivergenz mit Diagnosen wie Autismus, ADHS oder Dyslexie verbunden, doch medizinische Kategorien können sie nur teilweise erfassen.
Dies wird auch an Hochschulen sichtbar: Studierende bringen unterschiedliche Arten des Wahrnehmens, Denkens und der Selbstregulation mit. Universitäre Rahmenbedingungen, wie etwa hohe Anforderungen an Selbst- und Zeitmanagement, sensorische Belastungen wie Reizdichte in großen Lehrveranstaltungen sowie soziale Anforderungen in Gruppenarbeiten können neurodivergente Studierende besonders fordern. Gleichzeitig verfügen neurodivergente Studierende häufig über besondere Ressourcen wie etwa ausgeprägte Detailorientierung, besondere Interessensschwerpunkte oder unkonventionelle Lösungsansätze. Gerade im Rahmen kollaborativer Lernsettings können diese Stärken besonders wirksam werden, indem zentrale Kompetenzen des 21. Jahrhunderts (OECD, 2025) wie Problemlösefähigkeit, Innovationskompetenz und kritisches Denken nicht nur sichtbar werden, sondern aktiv und gemeinsam weiterentwickelt werden (Austin et al., 2017). Das Wissen um die Herausforderungen, die Neurodiversität für den Studienalltag mit sich bringt, ist demnach für Lehrende relevant. Eine diversitätssensible Didaktik stärkt nicht nur neurodivergente Studierende, sondern verbessert die Lernbedingungen für alle.
Worauf sollte man in der Lehre achten?
Für Lehrende stellt sich die Frage, wie Lehre so gestaltet werden kann, dass unterschiedliche Denk- und Lernweisen nicht nur berücksichtigt, sondern aktiv gestärkt werden. Dies gelingt zum Beispiel durch die Schaffung klarer Rahmenbedingungen, eine offene Lernatmosphäre und kleinere didaktische Anpassungen auf unterschiedlichen Ebenen.
Offene Kommunikation fördern
Um eine offene Lernatmosphäre zu fördern, können Sie – zum Beispiel zum Semesterbeginn – unterschiedliche Lernbedürfnisse ausdrücklich ansprechen und konkrete Kontaktmöglichkeiten (z. B. Sprechstunde oder E-Mail) für individuelle Anliegen nennen. Auch kleine Gesten wie der Hinweis, dass Sie sich aktuell mit Neurodivergenz beschäftigen und dazulernen, können für Studierende viel bewirken (Xu et al., 2025).
Klare Strukturen vorgeben
Lernziele, Erwartungen sowie Bewertungskriterien aber auch Abläufe und wichtige Termine sollten möglichst präzise kommuniziert werden. Eindeutig festgelegte Zeitrahmen reduzieren Unsicherheit und Überforderung.
Zeitliche Puffer und klare Strukturen sind insbesondere zu Beginn komplexer Lerneinheiten, vor anspruchsvollen Aufgaben, bei Gruppenarbeiten oder Präsentationen sowie vor Abgabefristen und Prüfungen hilfreich. Beispiele oder Musterlösungen können helfen, Ihre Erwartungen greifbarer zu machen (Xu et al., 2025).
Außerdem helfen kurze Denkpausen und klar gegliederte Arbeitsphasen neurodivergenten Studierenden, Informationen besser zu verarbeiten.
Vielfältige Formen der Beteiligung berücksichtigen
Um unterschiedlichen Zugängen gerecht zu werden, empfiehlt es sich die Beteiligung der Studierenden in unterschiedlichen Formaten zu ermöglichen. Als Ergänzung oder als Vorbereitungsphase zu spontaner mündlicher Mitarbeit können asynchrone Formate wie Foren, digitale Whiteboards oder Padlets genutzt werden. Sie geben den Studierenden Zeit, Gedanken in Ruhe zu formulieren und aktiv einzubringen.
Auch bei Präsentationsleistungen können alternative Formate wie Videos, Poster oder aufgezeichnete Präsentationen eingesetzt werden, um individuelle Stärken sichtbar zu machen.
Auf derselben Logik basiert der Einsatz unterschiedlicher Prüfungsformate (mündlich, schriftlich, digital, projektbasiert, etc.) die es ermöglichen, auf Stärken und Interessen einzugehen, ohne die Anforderungen zu senken.
Flexibilität ermöglichen
Zur diversitätssensiblen Gestaltung der Lehre gehört auch die bewusste Nutzung didaktischer und institutioneller Spielräume. In Ihrer Lehre können Sie Raum für individuelle Schwerpunktsetzungen schaffen, damit Studierende eigene Interessen und Stärken einbringen können. Eine Möglichkeit ist es, die Studierenden Themen, Fragestellungen, methodische Zugänge für Projekte oder ihr bevorzugtes Prüfungsformat frei wählen zu lassen. Dies steigert nicht nur die Motivation – Untersuchungen zeigen auch, dass flexible Prüfungsformate Eigenverantwortung und nachhaltiges Lernen fördern (Zipper-Weber, 2025).
Ergänzend dazu können Studierende rechtlich geregelte Nachteilsausgleiche (§ 59 Abs. 1 Ziffer 12 UG), wie beispielsweise verlängerte Prüfungszeiten oder auch die Nutzung eines eigenen Prüfungsraums geltend machen, die es ihnen ermöglichen, eine Prüfung mit den gleichen Anforderungen in anderem Modus zu absolvieren; an der WU erfolgt dies über das Programm BeAble.
Quellen:
Austin, Robert D., and Gary P. Pisano. "Neurodiversity as a Competitive Advantage." Harvard Business Review 95, no. 3 (May–June 2017): 96–103.
Botha, M., Chapman, R., Giwa Onaiwu, M., Kapp, S. K., Stannard Ashley, A., & Walker, N. (2024). The neurodiversity concept was developed collectively: An overdue correction on the origins of neurodiversity theory. Autism, 28(6), 1591-1594. https://doi.org/10.1177/13623613241237871
Hare, I. (2025, September 15). Neurodiversity in the Workplace. Skillcast. Verfügbar unter https://www.skillcast.com/blog/neurodiversity‑workplace
OECD (2025), OECD Skills Outlook 2025: Building the Skills of the 21st Century for All, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/26163cd3-en.
Xu, X., Seymour, L., Ryan, C., Grønlie, S., Lin, G., & Li, H. (2025). Neurodivergent education for students, teaching & learning (NESTL) toolkit. Verfügbar unter Neurodivergent Education for Students, Teaching & Learning (NESTL) - Department of Education
Zipper-Weber, V. Flexible assessment as an authentic learning strategy: addressing diversity and enhancing student engagement in higher education. Discov Educ 4, 586 (2025). https://doi.org/10.1007/s44217-025-01038-9