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1.1 Lerntheorien

Lerntheorien geben eine Beschreibung und Erklärung, wie Lernen funktioniert. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber, dass Lerntheorien immer nur eine bestimmte Perspektive auf das Thema „Lernen“ geben können, d. h. gewissermaßen einen Ausschnitt abbilden. Keine der hier beschriebenen Lerntheorien kann Lernen in seiner Ganzheit erklären oder beschreiben (cf. Reinmann 2013).

Lerntheorien sind außerdem historisch gesehen auch immer vom jeweils herrschenden Zeitgeist geprägt. Ihrerseits prägen sie die Auffassung der Lehrenden aber auch der Lernenden, wie Lehren bzw. Lernen funktioniert (cf. Reinmann 2015: 132).

Die drei großen Lerntheorien sind der Behaviorismus, der Kognitivismus und der Konstruktivismus, die auch historisch in dieser Reihenfolge entstanden sind. 

Auch wenn es keine direkten handlungspraktischen Ableitungen aus den Lerntheorien gibt, so helfen sie doch, didaktische Entscheidungen nicht „aus dem Bauch heraus“ sondern fundiert zu treffen. Gerade im Bereich der Lehre gibt es häufig auch subjektive Theorien der Lehrenden, d. h. Ideen darüber, wie Lernen funktioniert/funktionieren sollte. Das Wissen um Lerntheorien kann dabei helfen, subjektive Theorien zu hinterfragen und möglicherweise auch zu beeinflussen (cf. Reinmann 2015: 132-135).

Schließlich lassen sich aus jeder der drei großen Strömungen Grundsätze ableiten, die die eigene Didaktik inspirieren können.

Behaviorismus – Lernen als Verhaltensanpassung

Der Behaviorismus begreift Lernen als System aus Reizen und Reaktionen darauf. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Behaviorist/inn/en sich nicht für die mentalen Vorgänge interessieren – das Gehirn löst zwar Reaktionen auf bestimmte Reize aus, welche Prozesse im Gehirn vor sich gehen sind für Behaviorist/inn/en aber nicht relevant. Besonders bekannt sind die Tierversuche von Pawlow und Skinner und in diesem Zusammenhang die klassische und operante Konditionierung. Der Behaviorismus prägte große Teile der Psychologie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. 

Bei der klassischen Konditionierung kombinierte Pawlow (1928) in seinen Versuchen einen neutralen Reiz (Klingeln einer Glocke) mit einem reflexauslösenden Reiz (Präsentation von Fleisch löst bei Hunden Speichelsekretion aus). Nach mehrmaliger Präsentation dieser beiden Reize, führte in der Folge die alleinige Präsentation des Glockentons zur Speichelsekretion bei Hunden. Für das heutige Lehren und Lernen an Hochschulen hat die klassische Konditionierung keine Relevanz mehr. 

Die operante Konditionierung beruht auf dem Prinzip, Konsequenzen (positive und negative Verstärkung) für bestimmte Handlungen zu setzen. Ein spontanes Verhalten wird also mit einem angenehmen Reiz kombiniert – etwa mit einem Lob, oder einer Belohnung – und dadurch wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es erneut ausgeführt wird. Skinner (1954) führte dazu Versuche mit Tauben und Ratten durch, die durch Belohnungen lernten. 

Lernziele auf den unteren Ebenen der Bloom'schen Taxonomie können auf diese Art und Weise erreicht werden. Dazu zählen bspw. Aufgaben, die so lange geübt werden, bis sie richtig gelöst werden können. Angewendet wird dies z. B. bei Vokabeltrainern oder ähnlichen Programmen.

Welche Rollen nehmen Lernende und Sie als Lehrende/r ein?

Insgesamt führt der Behaviorismus in Settings mit Lehrenden und Lernenden dazu, dass Sie als Lehrende/r die Verantwortung für den Lernprozess übernehmen: Sie kontrollieren den Reiz (d. h. z. B. wählen Aufgaben) und legen auch die Konsequenzen bei richtiger (oder falscher) Lösung fest. Den Lernenden obliegt die Aufgabe, auf die dargebotenen Reize zu reagieren. Sie sind also sehr wohl aktiv. Den Prozess des Lehrens/Lernens haben dennoch beinahe vollständig Sie als Lehrperson in der Hand (cf. Reinmann 2015: 144).

Welche Elemente können das eigene didaktische Handeln inspirieren?

Beispiele für didaktische Elemente, die aus dem Behaviorismus stammen und in das eigene didaktische Handeln einfließen können, sind:

  • Unmittelbares Feedback: Feedback ist besonders wirksam, wenn es unmittelbar nach Bearbeitung einer Aufgabe erfolgt.
  • Aufgaben mit automatisiertem Feedback: z. B. MC-Fragen im Lernmanagementsystem, die wiederholt werden können, bis die richtige Antwort aufscheint. Die richtige Lösung und gegebenenfalls auch Feedback werden direkt nach Lösung der Aufgabe präsentiert. MC-Aufgaben eignen sich besonders gut zum Einüben von eher einfachen Inhalten und zur Erreichung von Learning Outcomes auf den unteren Taxonomiestufen.  
  • Positive Verstärkung: Lob durch die/den Lehrenden, aber auch gute Noten wirken als positive Verstärker und fördern die (extrinsische) Motivation zu lernen. Im Bereich der digitalen Lehre macht man sich dieses Wissen zunutze und setzt Online-Badges oder Abzeichen ein, die erworben werden, wenn Aufgaben richtig gelöst werden oder wenn über einen längeren Zeitraum kontinuierlich gelernt wird.

Kognitivismus – Lernen als Informationsverarbeitung

Der Kognitivismus, der ab den frühen 1980er Jahren die Lehr- und Lernforschung beschäftigte, interessiert sich hauptsächlich dafür, wie Informationen im Gehirn verarbeitet werden. Denk- und Verstehensprozesse der Lernenden stehen im Mittelpunkt. An die Stelle einer umfassenden Theorie des Lernens traten viele Teiltheorien über Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Verarbeitung und Speicherung von Informationen. Lernen wird dabei als Informationsverarbeitungsprozess beschrieben und das Gehirn mit einem Computer verglichen. Der Prozess wird dabei ähnlich einem Kommunikationsmodell verstanden, bei dem der Sender über ein Medium Informationen zum Empfänger transportiert. 

Zu den bekannten kognitivistischen Theorien zählt bspw. das Kognitionsstufenmodell von Piaget. Kognitivistische Theorien wurden auch für mediendidaktische Szenarien entwickelt, wie bspw. die "Cognitive Load Theory", eine Theorie der kognitiven Belastung des Gedächtnisses, die Hilfestellungen bietet, wie Lernmaterialien strukturiert werden können. 

Welche Rollen nehmen Lernende und Sie als Lehrende/r ein?

Sie als Lehrperson sind dafür verantwortlich, Informationen so aufzubereiten, dass die Lernenden sie verarbeiten können. Es liegt also sehr viel Verantwortung bei Ihnen. Die Lernenden haben zwar eine aktive Rolle, arbeiten aber nicht selbstständig, sondern unter Anleitung des Lehrenden (cf. Reinmann 2015: 144).  

Welche Elemente können das eigene didaktische Handeln inspirieren?

Der Kognitivismus kann besonders für die Strukturierung und Gestaltung von Lernmaterialien Inspiration darstellen:

  • Präsentation und Gestaltung von Lernmaterialien (vgl. Tools zur Erstellung von Präsentationen): Lernmaterialien sollten so aufbereitet werden, dass die Informationsaufnahme und – verarbeitung für die Lernenden erleichtert wird. Hinweise, wie das gehen kann, gibt die Cognitive Load Theory.
  • Struktur der Lernmaterialien: Da während des Lernvorgangs neues Wissen mit bereits bestehendem Wissen verknüpft werden muss, ist es hilfreich, das Vorwissen der Lernenden zu aktivieren und Anknüpfungspunkte und Verbindungen zu bereits gelernten Inhalten herzustellen.

Konstruktivismus – Lernen als Bedeutungskonstruktion

Die Grundannahme des Konstruktivismus ist, dass die Realität sich nicht objektiv und unabhängig von der einzelnen Person beschreiben lässt. Jede/r von uns konstruiert seine Wirklichkeit gewissermaßen selbst auf Grundlage vorausgehender Erfahrungen, sozialen Kontexten etc. Dies gilt auch für Lerninhalte – der Lernende muss Inhalte in seinen eigenen Kontext übernehmen, seiner eigenen Erfahrung anpassen und Wissen selbst konstruieren. 

Welche Rollen nehmen Lernende und Sie als Lehrende/r ein?

Auf der Ebene der Didaktik geht dies mit Settings einher, die den Lernenden großen Handlungsspielraum überlassen und ihnen Gelegenheit geben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Die/Der Lernende steht im Mittelpunkt und muss selbstständig zu einer Lösung kommen. Dies resultiert in einer stark problemorientierten Herangehensweise, in der Komplexität nicht reduziert wird, sondern die Lernenden an "realen" Problemen lernen sollen. Das bedeutet auch, dass Lernmaterialien nicht speziell aufbereitet werden. Sie nehmen gewissermaßen die Rolle eines Coaches ein, der Lernanlässe anbietet und die Lernenden bei der Lösung unterstützt.

Welche Elemente können das eigene didaktische Handeln inspirieren?

Ansätze, die den Studierenden viel Freiheit in der Lösung einer Aufgabenstellung geben, gründen auf einer konstruktivistischen Herangehensweise. Beispiele dafür sind:

  • Problemorientierte Handlungsweise: Die Studierenden müssen bspw. das konkrete Problem eines Unternehmens oder in den Rechtsfächern einen konkreten Fall lösen.
  • Unstrukturierte Aufgabenstellungen: Im Gegensatz zu Übungen, bei denen eine bestimmte Fähigkeit trainiert werden soll oder ein bestimmtes Konzept angewendet werden soll, müssen die Lernenden bei unstrukturierten Aufgaben selbst herausfinden, welche Kompetenzen und Fähigkeiten sie benötigen und das passende Wissen und geeignete Prozesse selbst wählen. 
  • Aufgabenstellungen die nicht richtig oder falsch sind: Aufgabenstellungen, die keine richtige Lösung haben, sondern z. B. eine begründete Stellungnahme oder ein kritisches Position-beziehen der Studierenden erfordern.
Quellen

Pawlow, I.P., Lectures on conditioned reflexes. Twenty-five years of objective study of higher nervous activity (behavior of animals), New York: International Publishers 1928.

Reinmann, G., "Studientext Didaktisches Design", Studientext, Universität Hamburg, http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2013/05/Studientext_DD_Sept2015.pdf, 2015, 16.01.2019. 

Reinmann, G., "Didaktisches Handeln. Die Beziehung zwischen Lerntheorien und Didaktischem Design", in: L3T.  Lehrbuch  für  Lernen  und  Lehren  mit  Technologien, hrsg. v. M. Ebner/S. Schön, Berlin: epubli GmbH, https://www.pedocs.de/volltexte/2013/8338/pdf/L3T_2013_Reinmann_Didaktisches_Handeln.pdf, 22013, 16.01.2019. 

Skinner, B.F., "The science of learning and the art of teaching", in: American Psychologist, 11/1954, S. 221-233.


Empfohlene Zitierweise:
Lerntheorien, Teaching & Learning Academy, Wirtschaftsuniversität Wien, https://learn.wu.ac.at/open/tlac/lerntheorien, November 2019.


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